veröffentlicht im TITEL kulturmagazin

Beitragsbild: © Universal Pictures International

DIE VIERTE GEWALT

Eine wahre Geschichte. Journalisten, die trotz Verbots der Regierung eine Story veröffentlichen wollen, die den US-Präsidenten in Bedrängnis bringen würde. Steven Spielberg auf dem Regiestuhl, Meryl Streep und Tom Hanks in den Hauptrollen. Das klingt nach großem Kino – und zudem sehr zeitgemäßem.

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Es lebe die Pressefreiheit!

„The only way to protect the right to publish is to publish“, sagt Hanks-Figur Ben Bradlee bereits nach wenigen Filmminuten. Der Chefredakteur der Washington Post bezieht sich zu diesem Zeitpunkt nicht auf den Skandal, zu dessen Aufdeckung die Zeitung später maßgeblich beitragen möchte. Er bezieht sich darauf, dass das Weiße Haus einer seiner Redakteurinnen die Presseakkreditierung zur Hochzeit von Tricia Nixon, der älteren Tochter des amtierenden Staatschefs Richard, verwehrt. Dann müsse die Post, im Original heißt „Die Verlegerin“ übrigens „The Post“ und nicht etwa „The Publisher“, eben andere Blätter nach Notizen fragen, um ihrem Auftrag gegenüber der Gesellschaft nachzukommen. Der einzige Weg, die Pressefreiheit zu beschützen, sei es also, zu berichten, um das Bradlee-Zitat frei zu übersetzen. Diesen Gedanken wird er im Laufe der Geschichte nochmals aussprechen.

1966 reist Militäranalyst Daniel Ellsberg (Matthew Rhys) zu US-Soldaten in den Süden Vietnams, um für Verteidigungsminister Robert McNamara (Bruce Greenwood) den Kriegsfortschritt zu dokumentieren. Sein Fazit fällt nicht zuversichtlich aus, McNamara kommuniziert dennoch das Gegenteil.

1971. Ellsberg wird zum Whistleblower und lässt einen Teil der geheimen Dokumente, die das Vorgehen der Vereinigten Staaten in Vietnam thematisieren, an die New York Times durchsickern. Die Times berichtet und diskreditiert damit Richard Nixon sowie seine Vorgänger Lyndon B. Johnson, John F. Kennedy und Dwight D. Eisenhower. Durch eine einstweilige Verfügung unterbindet die Regierung weitere Veröffentlichungen der Zeitung. Die Washington Post, gerade im Prozess des Börsengangs zur Solvenzsicherung, kommt dank Redakteur Ben Bagdikian (Bob Odenkirk) derweil ebenfalls in den Besitz der Aufzeichnungen. Herausgeberin Kay Graham (Meryl Streep) und Ben Bradlee (Tom Hanks) stellt sich die Frage, wie sie mit den Dokumenten umgehen.

Wichtige Geschichte, richtige Zeit

Eigentlich wollte Steven Spielberg im letzten Jahr einen anderen Film drehen. Als es damit aber Schwierigkeiten gab, und er das Drehbuch zu „Die Verlegerin“ las, warf der laut Kinokassen erfolgreichste Regisseur und Produzent aller Zeiten seinen Plan über den Haufen – und schmiedete einen engen Zeitplan, um das Journalismus-Drama schnellstmöglich in die Lichtspielsäle zu bringen. Das war im Februar 2017.

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Kein Zufall, dass sein neues Werk jetzt anläuft. Zu Zeiten der US-Regierung unter Donald Trump, der über Twitter Fake-News-Awards vergibt; auch die Washington Post und die New York Times gehören im Übrigen zu den Preisträgern. Zu Zeiten, in denen Edward Snowden als Kandidat für den Friedensnobelpreis gilt. Spielberg erzählt eine wichtige Geschichte zur richtigen Zeit.

Schwarz und Weiß

Seinen Job macht der Filmemacher dabei wie gewohnt gut und souverän. Er verlässt sich auf die Story, das Skript und die Darsteller. Der 71-Jährige versucht nicht, die Historie aufzubauschen. Creedence Clearwater Revival laufen in der Anfangssequenz als Hintergrundmusik, es gibt in wenigen Szenen ein paar Flower-Power-Demonstranten zu sehen, das war es dann auch mit dem massentauglichen Wiedererwecken des 68er-Lebensgefühls während des späten Vietnamkriegs. Vielmehr stellt Spielberg das Konstrukt des Spannungsfelds zwischen Weißem Haus und Presse in Washington, D.C. Anfang der 1970er-Jahre erfolgreich dar.

„Die Verlegerin“ setzt sich über allem mit dieser Problematik auseinander. Die Rollen sind dabei deutlich zugewiesen. Dadurch nimmt das Pathos leider mehr Spielzeit ein als der Inhalt der ‚Pentagon Papers‘, jener heiklen Aufzeichnungen. Wer fundiertes Hintergrundwissen will, muss sich selbst schlau machen. Es handelt sich eben um Steven Spielberg und nicht um eine Dokumentation für den Schulunterricht.

Es gelingt dem Kinoveteranen sowie den Drehbuchautoren Liz Hannah und Josh Singer derweil, zeitgleich ein Historiendrama und eine bemerkenswerte Biographie auf die Leinwand zu bringen. Das Werk ist Geschichtsstunde, jedoch auch eine Hommage an eine mutige Frau, die erste Herausgeberin einer Zeitung in den USA.

Kraftvolle Streep, lustiger Odenkirk

Denn, auch wenn zwei Schauspielernamen in großen Buchstaben auf dem Werbeplakat stehen, die wichtige Figur in „Die Verlegerin“ ist die von Meryl Streep porträtierte Kay Graham. Sie ist durch den Selbstmord ihres Ehemannes in die Position der Herausgeberin der Washington Post gerückt, muss das wirtschaftliche Überleben sicherstellen, möchte zudem die journalistische Integrität wahren. Als Frau stößt Graham dabei auf viel Misstrauen. Ihr innerlicher Konflikt gehört zu den zentralen Themen des Films. Sie gehört zur gesellschaftlichen Oberklasse, McNamara und Co. sind Teil ihres Bekanntenkreises. Streep gibt Graham, die anfangs nur bedingt interessant scheint, spätestens in der zweiten Hälfte viel Kraft. Ihren Rekord als für einen Oscar meistnominierte Schauspielerin baute die 68-Jährige aus, die Academy nominierte sie für ihre Rolle zum 21. Mal.

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Tom Hanks fällt neben ihr ab, weil sein Charakter zu idealistisch daherkommt. Ben Bradlee verhält sich stets lupenrein, nur für einen Augenblick lässt sich ein persönlicher Makel erahnen. Das lässt ihn als Figur leider langweilig erscheinen. Dazu trägt bei, dass Hanks eine Rolle einnimmt, die er schon oft eingenommen hat. Das macht er fraglos gut, seine Figur rettet es aber nicht.

Dafür gefällt unter den Nebendarstellern vor allem Bob Odenkirk, der eine dezent veränderte Version seines Alter Egos aus der Serie „Better Call Saul“ spielt. Das hätte abgenutzt wirken können. Odenkirk, dessen Anfänge unter anderem in der Comedy liegen, sorgt aber immer wieder für humorvolle Szenen, die das Werk in regelmäßigen Abständen auflockern. Nennenswert agiert im Cast auch Sarah Paulson, die als Ehefrau Tony Bradlee eine sehr starke Sequenz liefert, sonst leider kaum Spielzeit bekommt.

Der erste Zusatzartikel

„Die Verlegerin“ ist sicher nicht der innovativste Film, funktioniert allerdings dennoch. Das liegt an der Botschaft, die Steven Spielberg geradeheraus vermittelt, und an seinem Timing, das nicht besser sein könnte. Das liegt an der erneut hervorragenden Meryl Streep – einer der überschätztesten Schauspielerinnen Hollywoods, wie Donald Trump sagt.

„Der Kongress darf kein Gesetz erlassen, das die […] Pressefreiheit […] einschränkt“, heißt es im 1791 verabschiedeten ersten Zusatzartikel zur Verfassung der Vereinigten Staaten. „Die Verlegerin“ erinnert mit einer Geschichte aus dem Jahr 1971, dass auch heute für diesen Artikel gekämpft werden muss.

Felix Tschon

Die Verlegerin
von Steven Spielberg
mit Meryl Streep, Tom Hanks, Sarah Paulson und Bob Odenkirk
ab 22. Februar im Kino

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19. Februar 2018