Beitragsbild: © 2018 Constantin Film Verleih GmbH

HOFFNUNGSLOS

Sieben Minuten applaudierte das Publikum in Cannes. „A Beautiful Day“ hatte zuvor in einer unfertigen Fassung seine Premiere gefeiert. Regisseurin Lynne Ramsay hat die Erzählung des Autors Jonathan Ames mit Joaquin Phoenix in der Hauptrolle verfilmt.

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Ihr Retter

Als Joe brutal in ein Kinderbordell eindringt, um eines der Gepeinigten zu befreien, untermalt das eine träumerische Rock-’n‘-Ballade. Mit dem Hammer, dem Lieblingswerkzeug, mischt die Hauptfigur des neuen Ramsay-Werks Sicherheitspersonal und Freier auf, macht sich dann auf die Suche nach der Zielperson.

Wenn ein Kind verschwindet, ist Joe (Joaquin Phoenix) der Mann, den man ruft. Der etwas übergewichtige ehemalige Marine und FBI-Agent, selbst körperlich und mental gezeichnet, erfüllt derartige Aufträge geschäftlich, in seinem Privatleben kümmert er sich um seine alte Mutter (Judith Roberts). Als er Entführungsopfer Nina Votto (Ekaterina Samsonov) finden soll, die entführte Tochter eines New Yorker Senators, geraten die Dinge außer Kontrolle.

Menschliche Abgründe

„A Beautiful Day“ ist nichts für Zartbesaitete. Der vierte Film über Spielfilmlänge von Lynne Ramsay hat menschliche Abgründe zum Thema, nicht nur auf Seite des Bösen. Wer das verträgt, blickt hohem Niveau entgegen: Der Schottin gelingt ein Thriller, der durch Atmosphäre und Dramatik besticht.

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Ramsay schafft es, eine spärliche Geschichte vorlagentreu und dennoch innovativ ins Kino zu bringen. Sie verwandelt die 99 Seiten des Buchs in 90 intensive Leinwandminuten. Die 48-Jährige stellt die Düsternis der Story und die Ausweglosigkeit ihrer Charaktere handwerklich gekonnt dar. In ihrer Kreativität erinnert sie dabei bisweilen an Nicolas Winding Refn („Drive“, „Only God Forgives“).

Filmharmonie

Lynne Ramsey schrieb auch das starke Drehbuch, in Cannes wie Darsteller Joaquin Phoenix ausgezeichnet. Es ist ein karges Skript. Prägnante Dialoge und ein einfach gehaltener Plot machen es aus.

Kamera, Schnitt und Musik zeichnen sich für die bedrohliche Stimmung verantwortlich. Kameramann Thomas Townend sorgt für New Yorker Noir mit Neonlicht. Cutter Joe Bini, der mit Ramsay bereits beim Drama „We Need to Talk about Kevin“ zusammengearbeitet hatte, überragt durch schnelle, angsteinflößende Schnitte. Bemerkenswert, dass der verstörende Score von Radiohead-Musiker Jonny Greenwood, wie Bini 2011 schon beteiligt, sehr nah an das Drehbuch angelegt ist.

Phoenix auf dem Weg zur Katharsis

Diese einzelnen Bestandteile des Werks geben der Hauptfigur einen stimmigen Hintergrund, obwohl Joe weitestgehend unbekannt bleibt. Einige Rückblenden verraten eine von Missbrauch geprägte Kindheit, außerdem traumatische Kriegserinnerungen. Ob er in der Gegenwart mehr mag als alte Radiomusik, das Publikum erfährt es nicht.

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Joaquin Phoenix spielt, wie er es am besten kann. Die physischen Narben seines Charakters sind sichtbar, die psychischen lassen sich dank des Puerto Ricaners erahnen. Denn wie gewohnt übermittelt er das Gefühl, dass sich das Wissenswerte über Joe in dessen Kopf abspielt. Phoenix interpretiert seine Rolle eines suizidalen Soziopathen mit dezentem Wahnsinn. Er überspielt zu keinem Zeitpunkt, trotz zahlreicher Gewaltexzesse und sogar einer biblisch-anmutenden Szene auf dem Weg zur Katharsis seiner Figur.

Kein schöner Tag

‚Beautiful‘ ist an „A Beautiful Day“ eigentlich nichts. „You Were Never Really Here“ heißt der Film im Original; der ebenfalls englischsprachige Titel verrät auch mehr über die Hoffnung, die die Hoffnungslosen in der Erzählung mit sich tragen.

Unbedingt sehenswert ist das Werk von Lynne Ramsay aber – wenn Sie es vertragen. Die Regisseurin wollte wohl zeigen, was in ihr steckt, und das ist auf allen Ebenen gelungen. Herausgekommen ist ein dramatischer Thriller, der brutal in Abgründe blickt. Nichts für die, die die Augen gerne mal schließen.

Felix Tschon

A Beautiful Day
von Lynne Ramsay
mit Joaquin Phoenix, Judith Roberts und Ekaterina Samsonov
ab 26. April im Kino

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25. April 2018